Wir haben menschlich und als Verein einen großen Verlust erlitten.
Walter Flegel starb am 14.06.2011 nach einem Schlaganfall.
In Gedanken sind wir natürlich auch bei seiner Familie.
Die Trauerfeier fand am 30.06.2011 um 13:30 Uhr in der Kapelle auf dem Friedhof Heinrich Mann Allee in Potsdam statt.
Außerdem haben wir am Sonntag, 10.07.2011 um 11:00 Uhr bei eiiner Veranstaltung im Filmmuseum Potsdam seiner gedacht.
Natalia Gorbatyuk, Christa Kozik, Doris Bewernitz und Gabriele Thiere lasen aus seinen Gedichten und Sonja Puras begleitete die Veranstaltung mit ihrem Gesang. Im Anschluss wurde der Film „Zum Teufel mit Harbolla“ nach einem Drehbuch von Walter gezeigt.
Die Potsdamer Neuesten Nachrichten vom 11.07.2011 schreiben dazu:
Dienstgrad: Mensch
von Klaus Büstrin Gedenkfeier für Walter Flegel im Filmmuseum
Walter Flegel machte fast täglich einen Spaziergang in die still-herbe Bornimer Feldflur. Freundlich grüßend, ein paar Worte mehr oder weniger wechselnd, nichts Überflüssiges redend, so begegnete man dem Schriftsteller Walter Flegel als Nachbarn. Dies hat ein jähes Ende gefunden, denn am 14. Juni verstarb er ganz unerwartet im Alter von 76 Jahren.
Gestern Vormittag lud das Brandenburgische Literatur-Kollegium Brandenburg, dessen Mitbegründer, Vorsitzender und Geschäftsführer er war, zu einer Gedenkfeier in das Filmmuseum ein. Kollegiums-Mitglieder lasen aus dem feinsinnigen lyrischen Werk Walter Flegels, aus „Ansichten von Rügen“ und „Mein Orplid“ – Gedichte, die von der Schönheit der Ostseelandschaft, doch auch von Ängsten und Hoffnungen und Glück erzählen. Auf Rügen als sein Sehnsuchtsort reiste Walter Flegel mindestens einmal im Jahr. Dort suchte er vor allem Stille für Meditationen.
Während der Feier gab es auch Worte des Gedenkens von Weggefährten, Liedbeiträge sowie den Defa-Film „Zum Teufel mit Harbolla“ aus dem Jahre 1988. Walter Flegel gehörte zu den drei Szenaristen des Films von Bodo Fürneisen, der einen köstlich ironischen Ausschnitt aus dem Leben der ersten Offiziersgeneration der NVA in den fünfziger Jahren gibt. Militärklamotte und Milieuschwank lassen grüßen, doch die Filmemacher haben flache Späße – bis auf wenige Ausnahmen – gemieden. Die Veranstaltung im Filmmuseum war keine, die von tiefer Trauer gekennzeichnet war, sondern von trostvoller Heiterkeit.
Nach dem Studium am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ in Leipzig leitete Walter Flegel das Bezirksklubhaus der NVA in Potsdam, von 1973 bis 1986 war er am Militärgeschichtlichen Institut der DDR tätig. 1986 schied er als Oberstleutnant aus der DDR-Armee aus und wurde freischaffender Schriftsteller. Das Soldatenleben in der DDR hat er vor allem in seinen Prosataxten behandelt. Romane aus dem NVA-Alltag wie „Der Regimentskommandeur“ oder „Ein Katzensprung“ flossen aus seiner Autorenfeder. Darin war eine Treue zu den Allmachts- und Wahrheitsansprüchen der SED unverkennbar. Flegel wusste sich in der DDR gut aufgehoben. Er war überzeugt von dem antifaschistisch-sozialistischen Credo, mit dem dieser untergegangene Staat einst sein Dasein antrat und agierte. Doch der Schriftsteller sprach während der Nachbarschaftsgepräche davon, dass die unbewegliche DDR mit ihren zahlreichen Irrtümern und Fehlern zu ihrem Untergang führen musste. Seine Kritik an den Verhältnissen, die er mehr oder weniger versteckt geäußert habe, sei wohl zu spät gekommen.
Sein großes Thema in den Texten vor und nach der Wende hieß: Wie geht der Mensch mit Menschen um – auf dem Kasernenhof. Im Film sagt Harbolla zu seinem Leutnant: „Mensch ist ein Dienstgrad, höher als General“. Darum bemühte sich auch Walter Flegel. Nach der Wende schrieb und veröffentlichte er weiterhin fleißig Prosatexte. Und er war sozial stets hoch engagiert im Einsatz. Er kümmerte sich um den literarischen Nachwuchs, um schreibende Senioren und Menschen mit Behinderungen. Für sie hat er gern viel Zeit aufgewandt und ihnen dadurch das Leben noch ein Stück lebenswerter gemacht.
Auf seinen eigenen Wunsch wird in den kommenden Tagen die Ostsee vor der Insel Rügen seine sterblichen Überreste aufnehmen. Klaus Büstrin
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Auf Rügen und im Regiment
Walter Flegel tot
Von Henry-Martin Klemt
Foto: Burkhard Lange
Es ist der Sinn der Wege anzukommen/ und sich in Erde wieder zu verwandeln«, schrieb Walter Flegel in einem seiner Rügen-Gedichte. Ein Insulaner aus Passion. Leidenschaft, die er hegte, für die Stille, die Landschaft, die zehrende Mühe der Fischer und Bauern. »Wenn ich die Stille suche,/ geh ich zu den Weiden,/ den Heimwehbäumen meines Lebens«. Leidenschaftlich habe ich den 1934 geborenen Sohn eines schlesischen Zieglers erlebt, lauthals nie. Dass man sich umeinander kümmern muss, damit der Mensch nicht verkümmert. Je karger Brot, Landschaft, Hoffnung manchmal, umso nötiger ist's.
Immer muss einer anfangen damit, sagte sich das Flüchtlingskind, als es sich nach dem Abitur für Kasernierte Volkspolizei und Offizierslaufbahn entschied. Die Erfahrungen bei der NVA boten die Kulisse für zahlreiche Romane und Erzählungen, auch als der Artillerist schon Klubhausleiter, Mitarbeiter des Militärgeschichtlichen Instituts und später freier Schriftsteller geworden war. Sein »Regimentskommandeur« (1971) wurde zum Standardwerk einer nicht nur uniformierten Leserschaft. Weckte Erwartungen, die er neun Jahre später mit »Es gibt kein Niemandsland« erfüllte und durchbrach. Aus der geplanten Verfilmung wurde nichts. Zu viele Zweifel. Zu ihrer Zuspitzung kam es ein viertel Jahrhundert später. »Unter der Schlinge« – ausgekoppelt aus Arbeit, Ehe, Vaterland, muss ein Berufsoffizier sich dem eigenen Leben stellen. Walter Flegel beschreibt das als Chance, die wahrzunehmen schmerzhafter ist, als jähes Sich-Wenden.
»Militärschriftsteller, Offizier, Kommunist« – die Schublade klemmt. Wer nachschaut, was darin verborgen liegt, kriegt sie nicht wieder zu. Sich umeinander zu kümmern, bedeutete für Flegel nicht, Befehle zu erteilen oder entgegen zu nehmen. Weder als Stadtverordneter, noch als Präsidiumsmitglied im DDR-Schriftstellerverband. Es bedeutete auch nicht, National- und Körnerpreis als Beschwichtigung zu betrachten. »Die Inselfischer wissen es seit je,/ dass sie dem Meere unterlegen sind./ Das macht sie sicher, wenn sie sich der See/ zum Fange anvertrauen und dem Wind«, schrieb er über Rügen.
So begründete er Anfang der 90er Jahre das Literatur-Kollegium Brandenburg mit, war lange dessen Geschäftsführer. Im Potsdamer Haus der Begegnung hob er den Literaturklub für Menschen mit und ohne Behinderung aus der Taufe, ermutigte und begleitete die Schreibenden; hundert Lesungen und ein halbes Dutzend Anthologien. Die erste hieß: »Suche deinen Reichtum bei den Schwachen«.
Mit Lust wandte er sich Nachdichtungen aus dem Russischen zu. Ihm selbst fiel es schwer, Klang und Stimme wiederzufinden in der geschäftigen Kakophonie der Neuzeit. Aber die Wege liegen unter dem Fuß, nur manchmal verborgen. Einen Umweg zu den Weinbauern an der Mosel, Wege über die Insel, immer wieder, Anthologien und Bücher für Kinder; denen haben wir was zu erzählen. 1992 erhielt Flegel den Ehm-Welk-Literaturpreis, 1996 den Literaturpreis Eberhard des Kreises Barnim für das Jugendbuch »Darf ich Jule zu dir sagen?«, dem 2001 »Jule ist wieder da« folgte. Zuletzt führte er uns zum »Malvenweg«.
Am 14. Juni erlag Walter Flegel in Potsdam einem Schlaganfall.
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Er strahlte menschliche Wärme aus
Jörg Darmer und ich haben Walter Flegel im April 1991 kennengelernt. Wir haben den Literaturklub für Menschen mit und ohne Behinderung ins Leben gerufen und haben uns alle 14 Tage im Haus der Begegnung getroffen. Leidenschaftlich und mit Hingabe hat er unseren Klub geleitet. Seine menschliche Wärme hat uns erreicht.
Durch ihn wurde das Schreiben von Lyrik und Prosa zur Sucht. Er war unser „Vater und Lehrer“ der schreibenden Zunft.
In den 20 Jahren haben wir 6 Anthologien veröffentlicht. Vier Mal lasen wir auf der Leipziger Buchmesse. Zahlreiche Lesungen führten wir durch.
Wir haben Walter Flegel viel zu verdanken.
Rolf Gutsche
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Ein Text
Ursprünglich hatte ich für den heutigen Tag etwas anderes geplant. Ich wollte nach Potsdam fahren einer Gedenkfeier beizuwohnen, der Gedenkfeier des kürzlich und plötzlich verstorbenen Walter Flegel. Stets kommt es im Leben andres als man plant und denkt und so bin ich heute nicht nach Potsdam gefahren. Sichtbar ist nicht alles, schrieb ich kürzlich: Obgleich ich nicht persönlich anwesend sein konnte, als Texte von Walter Flegel im Filmmuseum Potsdam gelesen wurden, um an ihn zu denken und ich auch bei der Beerdigung nicht persönlich anwesend sein konnte, will ich und werde ich an Walter Flegel denken. Mir ist unmöglich dies nicht zu tun, denn ich habe etwas Wichtiges von ihm gelernt. Und so drängt es mich, ein paar Worte, Sätze, Absätze, einen Text zu schreiben.
Ich sage nicht, dass ich ihn kannte, das können nur sehr wenige Menschen sagen. Die meisten nahmen ihn als engagierten Schriftsteller wahr. So habe ich Walter Flegel kennen gelernt. Das erste Mal traf ich ihn auf einer Lesung des Literaturkollegiums Brandenburg in Fürstenwalde. Ich schrieb noch nicht lang und war gekommen, den Texten, den Worten, der Musik zu lauschen, zu lernen und alles aufzusaugen. Er fragte mich, ob ich einen Text dabei hätte. Ich verneinte. Ein Schriftsteller hat immer einen Text dabei, sagte er mir. So unbedeutend dieser Satz für den Anfang klang, so bedeutend sollte er sich auswachsen zu einem Leben; einem Leben als Schriftstellerin Denn: Seither trage ich immer einen Text bei mir. Wie jeder Mensch.
Nicht immer ist er zu verstehen.
Nicht immer ist er geschrieben.
Nicht immer ist er lesbar.
Nicht immer ist er sichtbar.
Aber: immer ist er da.
Ines Gerstmann, 10.07.2011