Dieter Lenz – Preisträger
Zur guten Nacht
Die Nacht lässt sich jetzt demaskieren
und wird zur Kachelwand in einem Klo,
Verse kann man darauf schmieren.
Seht her und lest, es geht mir so:
Zu dieser Zeit löst man den Gürtel
und schlägt auf seinen Schatten ein.
Und aus den Zähnen rieselt Mörtel
beim Versuch zu schrein.
Der Menschheit Letzter,
noch bevor der Zukunft Erster aufersteht,
er liegt mit einem Ohr
im Dreck, das andre hochgedreht.
Und Fernen funken fremden Sinn,
sein Kopf wird Webmaschine.
und pocht und sticht: ein Gobelin.
Die Nachwelt lacht: Gardine.
Punkt Zwölf. Vom Rundfunk Phrasen.
Ein Tag beginnt, eine neuer.
Reformen abgeblasen.
Sie kommen uns zu teuer
Die Verfrühten
Gelebt wird jetzt auf neue Art:
Wir, die um Ruhm bemühten,
steigen in den Weltraum hoch.
Die Zukunft ist uns Gegenwart.
Und gnadenlos verbieten
wir „aber" und das „weder/noch".
Zwar hüllt uns noch die Menschenhaut
und ihre Sucht nach Zärtlichkeit.
Wir lieben, bis der Morgen graut,
doch ist das schon verlorne Zeit.
Das Leben heißt „Nicht Stillestehn".
So sind wir wie das Laserlicht
und sind zu schnell, zu hörn, zu sehn,
die leise Stimme, das Gesicht:
Ihr lebt zwar jetzt auf neue Art.
Doch seid ihr die Verfrühten.
Und steigt ihr auch ins Weltall hoch,
ihr flieht nicht aus der Gegenwart.
Ihr könnt es nicht verhüten:
Ihr bleibt die Alten doch.
Apokalypse – now
Wozu die Computer alle?
Gespeicherte Trauer
aus Totem und Traum.
(Im günstigsten Falle
weint man genauer
auf seinem Kleidersaum.)
Und neue Propheten
versuchen zu kitten
mit Angst und Gebeten
die brechenden Sitten.
Das wird die Menschheit
noch lernen müssen:
statt vor Spaß sich zu bepissen
und sich berauschen
am eigenen Gemüt,
mit Augen weit
dem Geburtschrei lauschen,
und sehn, was ihr geschieht.
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Kenah Cusanit - Anerkennungspreis der Jury
Hier finden Sie demnächst einen Link zur Homepage der Autorin
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Angelika Zöllner (Anerkennungspreis der Jury)
1 der schwan blaugläsernes wasser verdunkelt wie unsere haut aus treibenden schwere-gedanken hier lass ich versinken die wurzeln alt-lastender sorgen - die fragen die haftenden Lebensgesteine und anker erblutende not hier entring ich dem entlein das märchen die federnhässliche haut weiß - aus dem neugeburtlichen steigt irgendwann wenn ich erwarten kann ein lichterheller schwan im wellenspiegel such ich täglich ihn und einmal ahn ich gar nicht mehr mein altes raues Ich. 2 bis auf das wort immer kehre ich zurück zu den anfängen sammle die hülsen vom boden wer in der vergangenheit lebt hütet den tod jung bleibt die Seele hinter den Nerzwänden jeder aufbrechende gedanke erneuert die zukunft aus fruchtbaren stunden wächst die gegenwart in verletzbarer haut noch schutzlos bis auf das wort. | 3 baum oder fliehendes blatt manchmal weiß ich nicht bin ich baum oder fliehendes blatt land oder ein abgesplittertes stückwerk ich bin aufgerissene Saite und klingender stein sinkender tropfen und schäumendes meer im stundenglas von zeit und ewigkeit stern oder staub in meinem spiegel verwischt sich die spur irgendwo zwischen flucht und wahrheit. 4 frieden genug geklagt noch fühl' ich leben der sommer streut sein mildes licht und weht mir farbenträume zu laß mich noch diese tage schmecken und honig sammeln dir und mir im herbst bestell' ich mir das land und scheuch' die totenvögel weg ich setze hoffnung korn für korn und suche mir die atemsaat noch hängt die sonne ich will singen ehe der himmel fällt. |